Gedankenslalom zum Jahresauftakt

3. Januar 2018 § Hinterlasse einen Kommentar

Wer bin ich und was ist eine eigene Position?

Ohne Position ist keine sinnvolle Betrachtung möglich. Aber was ist eine eigene Position? Man kann von einem fixen Standpunkt ausgehen oder sich bewegen und es von allen Seiten betrachten. Aber immer bleibe ich der Betrachter. Aber wer ist ich? Bin ich eine organische Festplatte, bestehend aus Genen, Hirn, Fleisch und Blut? Davon gehe ich mal aus. Da ist lang, lang vor meiner Zeit die ganze Menschheitsgeschichte, die aus mir mal rein körperlich ein Mensch und keine Qualle geformt hat. Da sind all die Ahnen, Urahnen, Ururahnen, die Revolutionen, das Brot, die Spiele, die Liebe und der Tod. Und da ist bereits das System angelegt, in das ich hereingeboren wurde durch Eltern, Schule, Gesellschaftsstrukturen und kulturelle Konventionen. Daraus haben die Programme mein ICH ausgeprägt. Im Regelwerk meines Umfelds ist ICH geworden.

Aus der eigenen Position meine Beziehungen betrachten

Aus meiner Position kann ICH mich zum Beispiel fragen: Wie ist meine Beziehung zu den Menschen aus Familie, Beruf, Nachbarschaft und Vereinen? Wie ist meine Beziehung zu den Männern, Frauen denen ich in meinem Leben begegnet bin und die mir zu lieben Freunden, zu unliebsamen Bekannten oder gar zu Feinden geworden sind?

Der Glaube macht selig – der Verstand verunsichert

Wer sind meine Freunde? Da bin ich mir nicht sicher. Bin ich so ein unsicherer Mensch? Sollte ich mir meiner Freundschaften sicherer sein. Das könnte nur der Glaube schaffen. Der Glaube an die Verlässlichkeit, an die Freundschaft, an fortwährende gute Verhältnisse. Verstand verunsichert, Glaube stellt ruhig. Er beruft sich auf ewige Verhältnisse. Er wiegt einen in die sichere Geborgenheit einer Hand Gottes. Was auch immer geschehe sei gut und müsse so und genau so sein – gewollt von einer göttlichen Macht. «Doch was, wenn diese Macht bloss eine weltliche wäre?», fragt der Verstand dieser ungläubige Teufel.

Also ein ironischer Rat: Tut, was Papst Franziskus grad eben gefordert hat: Wendet euch ab vom Teufel. Kehrt ihm den Rücken. Lasst euch um keinen Preis ein mit ihm. Er ist euch argumentativ weit überlegen und wird euch wie ein Taschenspieler «einpacken». Wendet euch Gott zu, er wird euch mit himmlischem Baldrian um den teuflischen Verstand bringen.

Tun, was uns und den Menschen gut tut

Und jetzt ganz ohne Sarkasmus zurück zur Freundschaft und zu den Beziehungen: «Halte gute Beziehungen zu allen Menschen. Sage deine Wahrheit ruhig und klar, und höre anderen zu, auch dem Langweiligen und dem Dummen; auch sie haben ihre Geschichte.» (…) Diese Zeilen aus einem Gebet von 1692 überzeugen mich. Ich glaube ihnen. Sie erinnern mich im weiteren an die einfachste Formel des guten Zusammenlebens: «Was du nicht willst, das man dir tu, das füge keinem andern zu.»

Das heisst nichts anderes als, wir sollen tun, was uns und den andern gut tut. Ungeachtet eines ungerechten Systems, das durch Wirtschafts- und andere Kriege monströse Bereicherung und bittere Armut fördert. «Das soll dir aber die Augen nicht verschliessen vor der Tugend, die es doch gibt; viele Menschen streben nach hohen Idealen und überall ist das Leben voller Heldentum. – Sei dich selber. Vor allem, heuchle keine Zuneigung, noch sei zynisch in der Liebe, denn im Angesicht aller Dürre und Enttäuschung ist sie beständig wie das Gras.» Das ist eine weitere Zeile des Gebets.

Liebe ist beständig wie das Gras

Liebe Freunde: Ich will mich in meinen Beziehungen an diesen Rat halten. Vielleicht lässt sich dadurch der «Welt» ihr ein bisschen von der Verlässlichkeit und Sicherheit zurückzugeben, die ich manchmal vermisse.

Euch allen wünsche ich im Jahr 2018 viele gute Beziehungen.

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Urft – der Schwelbrand im Aschenbecher oder Houston: We’ve got a problem

30. April 2014 § 3 Kommentare

Die drei Stufen des Labenz

Das Leben ist eine Rakete. Es hat drei Stufen: Die Jugend, das Alter und das Zwischendrin. Die Jugend dauert von 23 bis 78 Jahren. Das Alter von 30 bis 120 und das Zwischendrin von 8 bis 80. Also drei völlig unterschiedliche Phasen. Ich bin bei Stufe drei angekommen.
Als Mensch bin ich in der Lage zu spüren und darüber zu reflektieren, wie es ist jung zu sein, alt zu sein. Die Stufe eins ist bei mir bloss noch Phantomschmerz. Also täglich präsent und nicht zu unterbewerten. Ich spüre wie es war, biegbar zu sein, grün bis ins Innerste. Überlebensfähig in den unmöglichsten Situationen. Zu Allem und zu Nichts bereit.
Nun nachdem die Stufe drei gezündet wurde, bin ich schon ziemlich weit weg von der Erde. Ich bin Machthaber, indem ich die Macht habe, aus schützender Distanz auf Vergangenes zu sehen, das mich nicht mehr direkt betrifft, auf Kommendes, das mich ebenfalls nicht mehr direkt betreffen wird und auf das ernsthaft tödliche, banale, absurde Spiel des Jetzt, in dem debattiert, gehyped, gechatet, getan, gelassen, wird als hätte es die Jugend nie gegeben und als würde die dritte Stufe nie erreicht. Die Geisteswissenschaft, nennt dazu als Begriff Fatalismus. Ich stelle ihm das psychologische Adjektiv «unbewusst» hinzu. Denn im Spiel bemerken wir nicht, dass wir im Spiel sind. Es ist ernst. Die naturwissenschaftliche Physik – momentan unser Glaube – untersucht Ursachen und Wirkung von Omega-3-Fetten, Entwicklungen der Formel 1 und Stressresistenz der Banken als gäbe es neben der Ratio und der Emotion kein Leben.
Mal objektiv: die Objektivität hat keine Gefühle. Ab genau dem Zeitpunkt, ab dem sie Gefühle auslöst, ist sie nicht mehr objektiv.
Test 1: Ferrari. Gripen. Cern. Tod. Baby. Da gehen Jahrmarkts-Lämpchen an.
Test 2: Wissenschaft. Jetzt wird’s sachlich, wahr, ernsthaft. Darin manifestiert sich unser Glaube.
Wissenschaft – ein heiliges Gefühl: ja, das ist die Wahrheit! Daran wollen wir glauben, an die Sicherheit, Kontrolle, Wahrheit, Objektivität. Weil die ist 999’000’000’000’000 mal gestestet. Sie allein kann wahr sein. Ab da, wo die Nullen folgen ist sie ganz wahr. Dagegen gibt es nichts Objektives mehr einzuwenden. Selbst das spurlose Verschwinden des Jets mit der Flugnummer MH370 ist nur eine Ausnahme, die die Regel bestätigt. Alles andere ist subjektiv – unkontrolliert, untragbar, unappetitlich und privat – also ungültig.
Darum soll unsere Lebensrakete Apollo heissen, wie Apoll, der anständige Bruder von Dionysos‘. Apoll ist der Rechte. Lasst Dionysos links liegen – please! Dionysos ist Chaot, Spinner, Künstler, Unruhestifter. Damit kommen wir nie zum Mond, zum Merkur, zum Mars, zum Zeus. Wir wollen eine einige Welt von weissen Brüdern sein – die wissen, wie man von der Welt objektiv Besitz nimmt. Wenn’s sein muss mit Schwarzgeld, Blutdiamanten und mit allen Stufen unseres Lebens.

(Alles raketenmässig klar? Im Buch: Der tiefere Sinn des Labenz – dem Wörterbuch für bisher unbenannte Gegenstände und Gefühle – wird für den unbenannten Zustand  Schwelbrand im Aschenbecher der Ortsname Urft als Bezeichnung verwendet.)

 

Endlich: Die Wahrheit

4. April 2012 § Hinterlasse einen Kommentar

Die Wahrheit:

… sie ist schon geschehen und sie wird (voraussichtlich) immer wieder geschehen:

–       Das Singen der Vögel

–       Das Aufgehen der Sonne

–       Das Anbrechen des Tages

–       Die Erwartungsfreude

–       Der Tod

–       Die Liebe

Die ganze Wahrheit:

–       Plus das Gegenteil

Es fehlen uns die Worte

9. August 2011 § Hinterlasse einen Kommentar

Sobald wir Worte lesen, werden sie zu Bildern. Sobald wir sie aussprechen, werden sie zu Klängen. Kaum dass wir uns ein Wort nur schon vorstellen, verwandelt es sich in Gedanken.

Eine unic Qualität

20. September 2010 § Hinterlasse einen Kommentar

Auf der Suche nach der Seele der Qualität wurde Robert M. Pirsig zeitweise irre. Später in den 7oger Jahren hat der intelligente Wissenschaftler sein Schlüsselerlebnis auf einer Motorradreise durch die USA aufgearbeitet und im Kultbuch „Zen und die Kunst ein Motorrad zu warten“ niedergeschrieben.

Qualität umfassend zu definieren ist das Steckenpferd der Philosophen. Auch Schopenhauer fragt nach der „ursprünglichen Qualität der Dinge“ nach dem Wesen der Natur. Die „Qualität“ hat manche in die Irre geführt, andere zu Erleuchtungen – doch darum gestritten und daran gefeilt wird noch heute. Das ist gut so. „Denn es gibt in der Philosophie keinen Fortschritt, sondern nur die Mannigfaltigkeit der Perspektiven, die einleuchtend sein können.“ schreibt Rüdiger Safranski in seinem Artikel (Tagesanzeiger 21. 9. 10) aus Anlass des 150sten Todestags von Arthur Schopenhauer. Und an anderer Stelle: „…nur das, was sich der Kraft einer Erleuchtung verdankt, kann auch anderen einleuchten.“ Wie wahr. Die Wahrnehmung ist subjektiv. Die Perspektive führt den Blick. Selbst die objektivsten Messgeräte und Technologien sind von Menschenhand.

Schlüsselerlebnisse gibt es nur für die, die den Schlüssel haben. Und der fällt jenen zu, die die Perspektive wechseln. „Ich habe mich oft gefragt, warum wir erst so spät drauf kamen. Wir sahen es uns sahen es doch nicht. Oder besser gesagt, wir waren darauf abgerichtet, es nicht zu sehen. (…) Es ist wirklich eigenartig. Da klopft die Wahrheit an die Tür und man sagt ihr: «Geh, ich warte auf die Wahrheit», und dann geht sie eben. “ So beschreibt Pirsig den verpassten Perspektivenwechsel in seinem Buch.

Nur wer in der Lage ist, die Perspektive zu wechseln, kann für jemand anders einen Text verfassen. Und nur wer auf diesem Weg zum Schlüsselerlebnis mit einer gewissen Erleuchtung kommt, wird einleuchtend argumentieren können.  So verstehe ich Qualität. Im Sinne der Schweizer Philosophin Jeanne Hersch, die gesagt haben soll: „Es gibt keine Wahrheit, ausser man engagiert sich für sie.“

Wo bin ich?

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